_ Spaziergang |

Das Ortswappen zeigt einen überdachten Ziehbrunnen als Symbol für eine ergiebige Quelle in dem in günstiger Hanglage angelegten Dorf, die bis weit ins 20. Jahrhundert von großer Wichtigkeit für die Menschen war. Das darunter abgebildete Radkreuz soll einer Darstellung in der velberschen Kapelle (Südwand) nachgebildet sein, die anscheinend nach dem 2. Weltkrieg bei einer Renovierung überdeckt wurde.
Die Schreibweise von Namen und Ortsnamen unterlag früher keinen festen Regeln, man schrieb nach Aussprache und Gehör. Und im Laufe der Jahrhunderte mit einer schriftlichen Überlieferung zum Dorf Velber wurde der Name immer mal wieder verändert. Die Ortsnamenforscher Ohainski und Udolph, welche für Stadt und Landkreis Hannover 1998 alle Ortsnamen untersucht haben, formulieren in ihrer Erörterung von „Velber“ als Kernfrage: „Stand im Beiwort Feld- oder Fel-/Vel- und ist im Grundwort von -berg oder -ber auszugehen?“ Aufgrund verschiedener Indizien entscheiden sie sich für den Ansatz Vel-ber. Das Grundwort ginge demnach auf einen altsächsischen Ausdruck mit der Bedeutung Wald oder Hain zurück, das in ostfälischen Ortsnamen noch öfter auftaucht. Das Beiwort vel- führen die Autoren zurück auf das althochdeutsche felwa = Weiden- oder Sumpfbaum (Weiden sind charakteristisch für grundfeuchte Standorte), im Süddeutschen als ‚Felber’ bis heute gebräuchlich. Im Zusammenzug ergäbe sich also etwa die Bedeutung Sumpfwald oder „bei einem sumpfigen Wald“ – was angesichts des nahen Velberholzes mit dem Quellgebiet der Fösse recht plausibel erscheint.
Die ältesten handfesten Zeugnisse, die auf Menschen hinweisen, die sich hier aufgehalten haben, wo heute Velber liegt, stammen aus der Jungsteinzeit. Damit wird ein Jahrtausende währender Zeitraum bezeichnet, in dem die Menschen allmählich seßhaft wurden, feste Behausungen bauten und mit dem Ackerbau und der Haltung von Nutztieren begannen. Aus der Zeit vor 6000 bis 7000 Jahren stammt das Bruchstück eines Steinbeiles, welches 1986 an Velbers westlichem Dorfrand (nördlich des ehemaligen Gutshofes) gefunden wurde. Im Norden der Gemarkung Velber, westlich vom britischen Militärfriedhof, wurden verschiedene bearbeitete Flintstücke aus der Jungsteinzeit gefunden. Die seßhaft werdenden Menschen bevorzugten die besonders fruchtbaren und wegen ihrer Feinkörnigkeit zudem leicht zu beackernden Lößböden, wie sie südlich der Leine vorkommen. Die natürliche Lage Velbers bietet wesentliche Faktoren, die für frühe Siedler von größter Wichtigkeit waren: sanfte Hanglage oberhalb der Fösseniederung, Frischwasser, fruchtbare Böden, Wald. (In das Ortswappen hat der Grafiker Alfred Brecht einen Brunnen als Symbol für die günstige Siedlungslage Velbers aufgenommen.) Obwohl wir uns für jene Zeiten keine Siedlungskontinuität im heutigen Sinne vorstellen sollten, Siedlungen also immer wieder aufgegeben oder verlegt wurden, setzte sich die bäuerliche Lebensweise in den folgenden Jahrtausenden immer stärker durch. In der vor rund 3.800 Jahren beginnenden Bronzezeit haben Menschen in unmittelbarer Nähe des heutigen Dorfes, vielleicht sogar am selben Platz gelebt und hier ihre charakteristischen Hügelgrabstätten errichtet. Südwestlich von Velber, ein Stück abseits der von-Lenthe-Allee, sind bis heute zwei flache Grabhügel erhalten.
Aber seit wann gibt es nun dieses Dorf an dieser Stelle mit Gewißheit? Mit einer urkundlichen Erwähnung tritt ein Dorf sozusagen in das Licht der Geschichte. In aller Regel gibt es die betreffende Siedlung zu diesem Zeitpunkt bereits, so daß die Urkunde, in der der Ortsname auftaucht, normalerweise nichts über das Alter der Siedlung sagt - von einem ,Gründungsakt' ist bei unseren Calenberger Dörfern ohnehin nicht auszugehen. Als 1952 in Velber eine wegen der schweren Nachkriegsjahre um fünf Jahre verspätete 1000-Jahr-Feier stattfand, bezog man sich auf eine Urkunde des Jahres 947, in der ein Velberch genannt wird. Heute wissen wir (auch dank der oben erwähnten Ortsnamenforschung), daß die dort bezeichnete Siedlung (später Feldbiki oder Feldbergen genannt) einst in der Nähe von Alfeld lag und heute nicht mehr existiert. Unser Velber taucht in der schriftlichen Überlieferung erst im 12./13. Jahrhundert auf. In der ältesten Urkunde, die uns bekannt ist (ungefähre Datierung: um 1167), wird der Ortsname nur indirekt erwähnt, weil ein Adliger Helmold von Velber (auf den wir später noch zu sprechen kommen) und dessen Sohn, ebenfalls ein Helmold, in einer Mindener Bischofsurkunde als Zeugen eines Rechtsgeschäfts genannt werden. Unser Gebiet gehörte ja bis zur Reformation zum Bistum Minden. Der Inhalt der Urkunde (eine Schenkung) ist für Velber ohne Bedeutung. Vermutlich der jüngere Helmold wird noch einmal 1181 in einer Mindener Bischofsurkunde als Zeuge genannt. Direkt von Velber, nämlich von Grund und Boden in dem Dorf ist erst in einer Urkunde aus dem Jahr 1257 die Rede. Wiederum ein Helmold von Velber, zu jener Zeit Kanonikus (Geistlicher) in der Bischofsstadt Osnabrück, überträgt dem Kloster Marienwerder seine Curie in Velber. Eine Curie war ein größerer Hof mit zugehörigen Ländereien, man könnte von einer Art Gut sprechen.

Rekonstruktion des velberschen Dorfkerns am Ende des Mittelalters nach der Verkoppelungskarte von 1854 - hier mit den Höfen, die das Blumenauer Lagerbuch 1600 verzeichnet. Der schon im 13. Jahrhundert aufgelöste Sitz der Edelherren von Velber ist bei der Kapelle zu vermuten (Nr. 3 und Nr. 8 - ?), zumal sich dort auch noch ein alter Brunnen befand. Das um 1600 von Hollesche Gut wird zu jener Zeit vermutlich noch vollständig von einem Wassergraben umgeben gewesen sein, und der hier schon eingezeichnete Weg vom Gut nach Lenthe wurde erst viel später angelegt. Die Hofnummern richten sich nach der Brandkassennumerierung ab 1750.
Das Wenige, was wir heute über die Edelherren von Velber wissen, verdanken wir der Forschungsarbeit von Heinz Georg Röhrbein (Über die Edelherren von Velber, Hannoversche Geschichtsblätter 1986). Einige Indizien lassen vermuten, daß die mit Helmold von Velber um 1167 erstmals genannte Familie mit dem Grafengeschlecht von Roden verwandt war, welches nach dem Sturz Heinrichs des Löwen 1180 im Westen Hannovers für einige Zeit eine regionale Herrschaft um die Burgen Lauenrode (Hannover), Limmer und Wunstorf aufbauen konnte und 1196 das Kloster Marienwerder stiftete.
IIn der vermutlich zweiten Generation nach dem um 1167 genannten älteren Helmold von Velber stirbt die Familie offenbar aus. Von den vier Geschwistern schein niemand mehr in Velber gelebt zu haben. Ein Konrad von Velber ist 1213 Domherr in Hildesheim, 1221 Vorsteher der dortigen Domschule. Er wird 1227 zum Bischof von Osnabrück gewählt und stirbt dort am 30. Dezember 1238. Konrads Schwester B. (wir kennen nur das Initial) ist Kanonissin im Stift Gandersheim. Bruder Heinrich heiratet eine Edle von Diepholz, stirbt aber anscheinend früh nach kinderloser Ehe. Der letzte Bruder Helmold, der wie Konrad als Geistlicher in Osnabrück lebt, vermacht eine Curie in Velber (allem Anschein nach der Stammsitz der Familie) 1257 dem Kloster Marienwerder. Damit endet die Überlieferung zu den Edelherren von Velber. - Und zugleich beginnt die eindeutig bezeugte Geschichte des Dorfes.
Als irgendwann nach der ersten Jahrtausendwende in unserem Raum Pfarrgemeinden entstanden, wurde Velber, vermutlich damals schon als Kapellengemeinde, dem Kirchspiel Limmer (heute Stadtteil von Hannover) zugeschlagen. Kapellengemeinden hatten keinen eigenen Geistlichen, und auch nach Velber wird der Priester aus Limmer nur zweimal im Jahr gekommen sein, um hier eine Messe zu halten. Für die nachreformatorische Zeit ist dieser Usus im Blumenauer Lagerbuch 1600 bezeugt. Den Rest des Jahres mußten die Velberschen sonn- und feiertags nach Limmer gehen, wobei ,gehen' durchaus wörtlich zu nehmen ist. Und auch ihre Toten mußten sie zum dortigen Kirchhof an der Nikolaikirche tragen.
Der weite Weg von Velber zur Kirche nach Limmer
(Kurhannoversche Landesaufnahme 1781)
Die Gottesdienste vor Ort in der Kapelle wurden im 20. Jahrhundert häufiger: in den 1930er Jahren monatlich, nach dem 2. Weltkrieg vierzehntäglich. Erst 1970 wurde Velber aus der St.-Nikolai-Gemeinde ausgepfarrt und Teil der neuen Pfarrgemeinde Davenstedt. Einen eigenen Friedhof hat die politische Gemeinde 1927 angelegt und dort bereits 1929 eine Leichenhalle gebaut.
Wenn man über die Kirchengemeinde Limmer spricht, kann man einen Pastor nicht unerwähnt lassen, nämlich den 1643 in der Neustadt vor Hannover (,Calenberger Neustadt') in die Nachwehen des Dreißigjährigen Krieges hineingeborenen Jacobus (volkstümlich Jobst) Sackmann. 1680 wurde er Pfarrherr in Limmer und wurde bald weithin bekannt durch seine volkstümlichen, oft plattdeutsch gehaltenen Predigten, in denen er seinen ,Schäfchen', aber mitunter auch den ,hohen Herrschaften' schonungslos und in derben Formulierungen ,die Leviten las'. Nur der Einfluß der ihm geneigten Kurfürstin Sophie soll ihn vor ernsthaften Schwierigkeiten bewahrt haben.

Denkmal für den limmerschen Pastor
Jacobus Sackmann auf dem Kirchhof
St. Nicolai Limmer, von Karl Gundelach 1913.
Foto: Norbert Saul
Nach einer der vielen anekdotischen (und sicherlich ordentlich ausgeschmückten) Überlieferungen soll er einen Spruch gepägt habe, der heute noch in den alten limmerschen Kirchspieldörfern bekannt ist: "In Limmer werd et alle Dage slimmer; in Ahl'n is ock nist to halen; in Velber, da slachten de Buern die Kälber und fressen sie selber - aber meine lieben Davenstedter, die haben mir einen schönen Block vors Haus gefahren für meinen Ofen. Gott lasse sie noch lange leben, so werden sie mir nächstes Jahr wieder einen geben." Sackmanns Ruf reichte bald weit über das Kirchspiel hinaus, und es soll aus Hannover zeitweilig einen regelrechten "Gottesdiensttourismus" in die Nicolaikirche nach Limmer gegeben haben. Pastor Sackmann starb in Limmer 1718. Aus seinem Vermögen bestimmte er 1.000 Taler für die Armenpflege der Pfarrgemeinde und weitere beträchtliche Summen für die Schulen in Limmer und Velber.

Zu der Zeit, als Velber zweifelsfrei ins Licht der Geschichte tritt, Mitte des 13. Jahrhunderts, könnte es die kleine velbersche Kapelle bzw. einen eher romanischen Ursprungsbau schon gegeben haben. Die Kapelle kann seinerzeit zum Sitz derer von Velber gehört haben. Hätte es hier nicht diesen Adeligen Hof gegeben, müßte man als damalige Kapelle wohl einen schlichten Holz- oder Fachwerkbau annehmen. Der kleine gotische Backsteinbau soll, davon gehen auch die Denkmalpfleger aus, seinen Ursprung im 13. Jahrhundert haben. 1841 wurde sie gründlich umgestaltet. Wie sich alte Velberaner noch erinnern, soll innen über dem Eingang noch im 20. Jahrhundert ein altes, nicht mehr gut erhaltenes Radkreuz zu erkennen gewesen sein. Vermutlich ist es bei einer Renovierung nach dem 2. Weltkrieg beseitigt oder überdeckt worden. Der Grafiker Alfred Brecht hat eine nachempfundene Darstellung des Kreuzes in das Ortswappen aufgenommen. Gut erhalten ist dagegen bis heute ein Flügelaltar, auf dem in geöffnetem Zustand eine Kreuzigungsszene und die vier Evangelisten zu sehen sind. Die geschlossenen Flügel zeigen die Verkündigung. Er wurde 1610 vom damaligen Inhaber des Rittergutes Velber, Martin von Holle, gestiftetet.

Der 1610 von Martin von Holle gestiftete Flügelaltar in der velberschen Kapelle zeigt innen eine Kreuzigungsszene, umrahmt von den vier Evangelisten. Die Männerfigur links vom dem Kreuz Jesu trägt die Züge Martin von Holles, die Frau rechts die seiner Ehefrau Anna von Barner.
"Am 16. Juli 1969 begann der Abbruch der Gutsgebäude. Das Gelände wurde mit Einfamilienhäusern bebaut." So enden die Ausführungen von Heinz Georg Röhrbein zum velberschen Gut (Hannover 1984, unveröff. Stadtarchiv Seelze). In den seitdem verflossenen Jahrzehnten hat sich nochmals viel verändert in Velber. Nur wenig erinnert heute noch an den adeligen Hof, der Jahrhunderte lang den südwestlichen Dorfrand prägte. Er lag im Winkel der von-Lenthe-Allee und der heutigen Gartenstraße, die nördlich der Allee an der Westgrenze des einstigen Gutshofes verläuft. In früher Zeit war der Hof durch einen umlaufenden Wassergraben geschützt oder ,bewehrt', daher der Straßenname Am Wehrgraben (früher ,In der Beeke'). Ein wenig abseits (südöstlich) unseres Schauplatzes finden wir den Martin-von-Holle-Weg. Die von Holles waren für einige Generationen Inhaber des Gutes, und Martin (1560-1611) lebte hier dreißig Jahre lang, bis zu seinem Tod, als Gutsherr.

Zu späteren Zeiten gehörte das ,Adelige Haus', wie es 1781 in der Kurhannoverschen Landesaufnahme bezeichnet wird, den von Lenthes aus dem Nachbardorf. Sie ließen durch das sumpfige Velberholz einen schnurgeraden Damm als Wegeverbindung zwischen den Gutshöfen bauen, der im 19. Jahrhundert an der Einfahrt des velberschen Guts begann, wo eine Brücke über den Wassergraben auf den Hof führte. Die von-Lenthe-Allee ist also unser letztes handfestes "Erinnerungsstück".
Bezeugt ist das Gut seit dem 16. Jahrhundert. Die Brüder Claus und Zander von Holle und drei ihrer Vettern wurden 1540 mit dem belehnt, was an dieser Stelle erstmals ausdrücklich als ,Hof' bezeichnet wird, über dessen damaligen Zustand wir freilich nichts erfahren. Anzunehmen ist aber, daß entweder Claus von Holle oder sein Sohn Martin jenes Fachwerkhaus errichteten, von dem oben schon die Rede war und welches 1969 abgebrochen wurde. Martin von Holle (1560-1611) war der einzige Gutsherr, der hier sein ganzes Leben lang wohnte. Wie oben bereits erwähnt, stiftete er kurz vor seinem Tod einen Flügelaltar für die velbersche Kapelle. Als Martin von Holle 1611 ohne direkte Nachkommen stirbt, endet eine nur zwei Generationen währende Phase, da die Gutsinhaber hier ansässig waren und die Bewirtschaftung des Hofes selber gelenkt haben.

Velber nach der Kurhannoverschen Landesaufnahme 1781. Die ,11' beim Ortsnamen bezeichnet die damalige Anzahl der Hofstellen. Im Osten gibt es noch das Davenstedter Holz, das Velberholz ist insgesamt als sumpfiges Gelände gezeichnet. Die von Lenthes haben nach dem Erwerb des Gutes (1733) den schnurgeraden Damm durch das sumpfige Gelände zu ihrem Obergut anlegen lassen, er beginnt nach der Zeichnung aber erst am Waldrand, durfte also wohl vor der großen Flurbereinigung im 19. Jahrhundert nicht über das Ackerland geführt werden.
1733 kaufen die benachbarten Herren von Lenthe das kleine velbersche Gut. Bald danach haben sie offenbar den Damm für die heutige Pappelallee nach Lenthe durch das sumpfige Velberholz aufschütten lassen, der in der

Kurhannoverschen Landesaufnahme 1781 eingezeichnet ist. Doch wie schon andere seit dem Tod Martin von Holles wechselnde Eigentümer haben auch sie die Gutswirtschaft die meiste Zeit verpachtet. Erst nach dem 2. Weltkrieg machte sich hier eine junge Familie von Lenthe aus Schwarmstedt ansässig. Aber schon in den 1960er Jahren endete diese Episode, das Gut wurde aufgelöst und 1969 wurden die Gutsgebäude abgerissen.
Nach der Reformation im Fürstentum Calenberg 1543 wurden nach und nach auf dem Lande von den Kirchengemeinden Schulen gegründet. Eine solche ,Kirchspielschule' mußte zunächst für ein mehrere Dörfer umfassendes Kirchspiel genügen. 1602 war es auch in Limmer, wohin Velber gemeinsam mit Ahlem und Davenstedt seit dem Mittelalter eingepfarrt war, an der Zeit, und der velbersche Gutsherr Martin von Holle stiftete 400 Gulden zur Errichtung der ersten dortigen Kirchspielschule. Sechzig Jahre lang (1602-1662) mußten die Kinder aus Velber bei Wind und Wetter zu Fuß zur Kirchspielschule in Limmer gehen. Dann entschloß sich die kleine Gemeinde, eine eigene Schule einzurichten und selber einen Schulmeister anzustellen. Wie damals üblich war das Schulhaus vor allem Wohn- und Wirtschaftsgebäude für den Lehrer und seine Familie, die sich mehr schlecht als recht mit einer kleinen Landwirtschaft und dem spärlichen Schulgeld, das die Eltern zahlen sollten, über Wasser hielt.

Das mehrfach umgebaute und erweiterte Schulhaus von 1797 stand bis in die 1980er Jahre dort, wo sich heute das evangelische Gemeindezentrum befindet (Kapellenbrink, Ecke Hasselfeldstraße).
1796/97 wurde ein neues, größeres Schulhaus errichtet, das aber wiederum nur eine bescheidene Schulstube hatte, die schon wenige Jahre später als zu klein reklamiert wurde. Doch erst 1865 konnte ein Anbau finanziert werden. Noch einmal ist 1892 ein separates Schulzimmer nach Osten angebaut worden, welches bis heute erhalten ist, während das Haus von 1797 wegen Baufälligkeit 1983 dem neuen evangelischen Gemeindehaus weichen mußte. Wie so viele kleine Dorfschulen fiel auch die velbersche der niedersächsischen Schulreform der 1960er Jahre zum Opfer und wurde nach 301 Jahren 1963 geschlossen.
Aus der ,Calenberger Musterungsrolle' von 1585 - die wehrpflichtigen Männer mußten in Neustadt mit Vorderladern oder Spießen antreten - und aus dem Lagerbuch des Amtes Blumenau (1600) erfahren wir, daß Velber seinerzeit aus vier Meierhöfen, fünf Kötnerstellen und dem Holleschen Gutshof bestand. Damit war das Dorf auch für damalige Verhältnisse sehr klein. (Zum Vergleich: Seelze und Harenberg hatten je dreimal soviele Höfe.) Nur die Meierhöfe und das Gut hatten genügend Ackerland, um allein von dessen Bewirtschaftung zu existieren. Die kleine Kötnerstelle Nr. 8 neben der Kapelle hatte schon 1562 eine Kruglizenz, dorthin gingen die Bauern also zum Schnapstrinken. (Vgl. Rekonstruktionsskizze des Dorfkerns um 1600.)

Die älteste Einwohnerzahl finden wir in einer Kopfsteuerliste von 1689. Damals wurden hier 84 Personen registriert. Bis 1821 war die Zahl um über 50 Prozent auf 136 gestiegen, 1855 auf 184. Diese lebten auf 16 Hofstellen in insgesamt 24 Wohnhäusern. In der sog. Urliste von 1855 sind auch Berufe und Erwerbstätigkeiten ablesbar. Über 60 Prozent der Erwerbspersonen (einschließlich mithelfenden Familienangehörigen) lassen sich der Land- und Forstwirtschaft und der bäuerlichen Hauswirtschaft zuordnen, aber schon 14 Personen werden als ,Arbeitsmann' (Arbeiter) bezeichnet. Wo sie arbeiteten, können wir nur vermuten: in den nahen Asphaltgruben (,Limmersche Asphaltfabrik' seit 1843), in Salinen und Fabriken in Badenstedt und Linden, in Kalköfen oder Ziegeleien, bei Fuhrunternehmen oder der Eisenbahn?

Velber und Umgebung nach der ersten preußischen Landesaufnahme 1898. Am Heisterberg im Norden sind Asphaltgruben zu sehen, am Weg nach Davenstedt vermutlich ein kleinerer Steinbruch und recht unten am Bildrand ein Bohrturm. (Der velbersche Lehrer Böker schreibt einige Jahre später von einem Kalisalzvorkommen in der südlichen Feldmark. Ob der Bohrturm in diesem Zusammenhang zu sehen ist, bleibt unklar.)
1873 zählte die Klassensteuerliste 219 Personen in Velber. Neben dem noch zahlreichen landwirtschaftlichen Gesinde und vielen Tagelöhnern, die wohl vor allem auf den größeren Höfen arbeiteten, sind 1873 ein Maurer, ein Schneider und zehn Schuhmacher bzw. Schustergesellen verzeichnet (1855 waren es erst drei), ferner der Lehrer, ein Gastwirt (zugleich Imker), eine Näherin, eine Arbeiterin und ein Aufseher in der nahen Ahlemer Asphaltgrube.
Die Industrialisierung in Linden und Hannover hat also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Velber schon deutliche Spuren hinterlassen. Der velbersche Lehrer Böker hält in einem Tagebuch (,Journal') um die Zeit des 1. Weltkriegs fest, daß Velber zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch äußerlich den Eindruck eines von der Landwirtschaft lebenden Dorfes erwecke. Tatsächlich aber würden sehr viele Einwohner in der Industrie arbeiten. "Die nahegelegenen Fabriken, Excelsior [Gummiwerke in Limmer, später Conti], Asphaltgruben, Salinen und Maschinenfabriken in Linden, bieten günstige Arbeitsgelegenheit."
Die velberschen Bauern litten, so Böker weiter, unter Arbeitskräftemangel und seien auf Saisonarbeiter aus Rußland, Polen und Galizien angewiesen. Und dies, obwohl Velber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts rund 200 Einwohner hinzugewonnen hatte; die Bevölkerung war von 150 auf ca. 350 (zur Zeit von Bökers Niederschrift) gewachsen.
Gut sichtbare Zeichen des industriellen Fortschritts in Velber waren neun Gaslaternen, die 1911 als öffentliche Straßenbeleuchtung installiert wurden. Ab 1924 wurde das Dorf mit elektrischem Strom versorgt. Trotz erster Straßenbeleuchtung hatte die Gemeinde noch in den 1920er Jahren einen Nachtwächter, der jede Nacht mit Hund und Laterne seine Runden durchs Dorf ging. Tagsüber war er Gemeindediener. Ende der 1920er Jahre waren die Zeiten offenbar so unsicher geworden, daß die Gemeinde als Dienstwaffe für den Nachtwächter eine automatische Browning-Pistole anschaffte.
Ledereimer, Brunnenwasser, lange Haken und Leitern: viel mehr stand noch im 18. Jahrhundert, als z.B. 1755 das halbe Dorf Seelze mitsamt der mittelalterlichen Kirche abbrannte, nicht zur "Brandbekämpfung" zur Verfügung. Zwar schaffte das Amt Blumenau 1772 eine Feuerspritze für die 21 Blumenauer Dörfer an, zu denen auch Velber gehörte, doch sie stand in Luthe und mag allenfalls den Luthern im Brandfall etwas genützt haben.
Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele Gemeinden aktiv und nutzten die neuen technischen Möglichkeiten, welche die industrielle Fertigung mit sich brachte. Eine Feuerspritze wurde nun auch für eine kleine Gemeinde erschwinglich. 1902 wurde eine solche von der Gemeinde Velber angeschafft, fahrbar mit Pferdevorspann. Für die Bedienung Verantwortliche wurden gewählt, ein Spritzenhaus wurde gebaut. Zehn Jahre später ist dann eine Freiwillige Feuerwehr gegründet worden, die mit Unterstützung der Gemeinde den Brandschutz in die Hand nahm.

Der Halbmeierhof Nr. 4 (nach dem Erbauer des Hauses von 1796 ,Kollrottscher Hof' genannt) steht heute in Velbers "Traditionsinsel" um die Kapelle für die jahrhundertelang das Dorf prägende bäuerliche Landwirtschaft. Er wurde bis 1981 bewirtschaftet und steht heute unter Denkmalschutz. Die Aufnahme aus den 1930er Jahren zeigt die damalige Besitzerfamilie Billerbeck.
1939 lebten 350 Menschen in Velber, ab 1945/46 ließ jedoch der Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen die Einwohnerzahl bis auf weit über 900 (1950) ansteigen. In dieser Zeit begannen noch einmal gewaltige Umbrüche, über die Lehrer Böker sicherlich gestaunt hätte. Schon 1950 arbeiteten nur noch ca. 13 Prozent der Erwerbspersonen in der Landwirtschaft; rund 55 Prozent in Industrie und Handwerk.

Anfang der 1950er Jahre bauten Flüchtlinge und Vertriebene mit Unterstützung der Kreissiedlungsgesellschaft die Häuser der velberschen Siedlung.
In den 1950er Jahren sank die Zahl allmählich wieder und in den frühen 1960ern pendelte sie sich um 630 ein. Dann begann ein gesteuertes Wachstum durch die Ausweisung von Bauland, und 1970 wurde schon die Tausendermarke überschritten. 1976 lebten hier 1.500 Menschen, und der Ort wuchs langsam weiter, bis Ende der 1990er Jahre auf rund 2.000 Einwohner. Ende 2006 lebten rund 2.100 Menschen in dem einst so kleinen Dorf. Diese Zahlen lassen schon ahnen, daß die jahrhundertelang so wichtige Landwirtschaft heute in dieser beliebten großstadtnahen Wohnsiedlung im Grünen nur noch eine marginale Rolle spielt.
Adolf Wissel, ein Bauernsohn aus dem Vollmeierhof Nr. 2, ist sicherlich der prominenteste Sproß Velbers. Er studierte Anfang der 1920er Jahre in Kassel und kehrte 1924 nach Velber zurück, wo er auch die Motive fand, die ihn in der Folgezeit bekannt machten: Bauernfamilien und bäuerlich-ländliche Sujets, die er in einem der neuen Sachlichkeit verwandten Stil gestaltete. Daneben malte er Auftragsportraits, z.B. 1941 von dem hannoverschen Oberbürgermeister Arthur Menge. 1939 baute er sich ein Atelierhaus gegenüber dem elterlichen Hof (Schmiedestraße).

In der Nazizeit sahen die neuen Machthaber in ihm den "Blut- und Boden-Maler", der noch dazu als Bauernsohn der "heimatlichen Scholle" eng verbunden war. Wissel-Bilder wurden mehrfach in der ,Großen Deutschen Kunstausstellung' in München ausgestellt und von Nazigrößen gekauft; schließlich erhielt Wissel auch noch eine Ehrenprofessur. Es gibt Grund zu der Vermutung, daß der großen Anerkennung von Wissels Werk durch die Nazis ein Mißverständnis zugrundelag - welches freilich der hochgeehrte und erfolgreiche Künstler nicht aufklärte. (Literatur: Ingeborg Bloth, Adolf Wissel - Malerei und Kunstpolitik im Nationalsozialismus, Berlin 1994)
Nördlich Velbers an der Straße von Ahlem nach Harenberg werden wir auf sehr eindrückliche Weise an den 2. Weltkrieg und seine Opfer erinnert. Auf ehemals velberschem Gebiet haben dort ab 1956/57 über 3000 im 2. Weltkrieg gefallene Soldaten aus dem britischen Commonwealth die letzte Ruhe gefunden.

Direkt nordöstlich angrenzend und über einen Stichweg erreichbar finden wir seit 1994 ein ausdrucksstarkes Mahnmal für etwa 750 Menschen, vor allem polnische und ungarische Juden, die hier, im Außenlager Ahlem des KZ Neuengamme, 1944/45 ums Leben kamen. Sie sollten unter unmenschlichen Bedingungen in stillgelegten Asphaltstollen unterirdische Werkstätten für die Continental Gummiwerke anlegen. Das Barackenlager befand sich auf der Grenze zwischen den Gemarkungen Ahlem und Velber. Einige alte Velberaner erinnern sich, daß manchmal eine Gruppe ausgemergelter Menschen in Sträflingskleidung unter schwerer Bewachung vom Heisterberg herunterkam, um an der Dorfpumpe vor dem Kollrottschen Hof Wasser zu holen. Sie waren so schwach, daß sie den Leiterwagen mit den gefüllten Tanks nur unter größten Mühen bergauf zum Lager zurückschieben konnten.

Mahnmal für die Toten des KZ Ahlem. Der von stählernen Stelen gesäumte Weg führt in einen nachempfundenen, gewissermaßen ausweglosen Stolleneingang.
1987 bildete sich ein Arbeitskreis "Bürger gestalten ein Mahnmal", an dem sich auch Velberaner beteiligten. In jahrelanger Auseinandersetzung entwickelten die Mitglieder des Arbeitskreises die heutige Gestalt des Mahnmals und bearbeiteten Asphaltplatten, die wie Spiegelungen des Leids anmuten, das hier hunderten Menschen zugefügt wurde.

Mahnmal für die Toten des KZ Ahlem. Eine der von Bürgerinnen und Bürgern gestalteten Asphaltplatten an den Betonwänden des nachempfundenen Stolleneingangs.
Velber ist im Jahr 2007 Stadtteil von Seelze, Region Hannover, Land Niedersachsen, Bundesrepublik Deutschland. Seit den Anfängen im Mittelalter hat sich viel verändert, vor allem ab dem 19. Jahrhundert.
Etwa im 12. Jahrhundert sind in unserem Raum Verwaltungsbezirke entstanden, die als Goe bezeichnet wurden. Nach allem, was wir wissen, gehörte Velber zum Go Seelze. Zu jener Zeit hatten in und um Hannover die Grafen von Roden die Herrschaft inne. Ihre nahe "Machtzentrale" war die Burg Limmer.
Mitte des 13. Jahrhunderts begannen die welfischen Reichsfürsten von Braunschweig und Lüneburg her ihren Einfluß in den Bereich derer von Roden auszudehnen. Diese errichteten zwar um 1320 in Blumenau bei Wunstorf noch eine neue Burg, aber ihr einst recht großer Herrschaftsbereich war bald schon auf den Go Seelze geschrumpft. Schließlich konnten die Welfen 1446 auch dieses Territorium an sich bringen. Und sie begannen alsbald mit dem Aufbau einer Verwaltungsstruktur, um ihre Herrschaft abzusichern: Aus dem Go Seelze wurde so um 1500 das Amt Blumenau, verwaltet von der gleichnamigen Burg im nordwestlichen Zipfel des Amtsbezirks - weit entfernt von Velber.
Dem Amt Blumenau als unterer Behörde der welfischen Landesherrschaft sollte Velber bis 1852 angehören. Auf der nächst höheren Ebene hat es während dieser Jahrhunderte einige Veränderungen gegeben: 1495 entstand das Fürstentum Calenberg, 1692 ging es im Kurfürstentum Hannover auf, 1814 wurde daraus das Königreich Hannover. Zuvor ein französisches ,Intermezzo': Besetzung durch Napoleon 1803, Gründung des Königreichs Westphalen 1807 (Hauptstadt Kassel). Damals, bis Napoleons Niederlage 1813, gehörte Velber zum Departement Aller.
1852 wurde das Amt Linden neu gegründet, und das Amt Blumenau verlor im Osten ein paar Dörfer (neben Velber noch Limmer, Ahlem und Davenstedt). Die Ämtergrenze verlief nun zwischen Harenberg und Velber. Schon 1859 fiel die Ämtergrenze nach Harenberg wieder weg, weil der größte Teil des nun endgültig aufgehobenen Amtes Blumenau zum vergrößerten Amt Linden kam. So blieb es bis 1867.
1866 gehörte das Königreich Hannover in einem von Bismarcks "Einigungskriegen" zu den Verlierern und wurde vom Sieger aufgehoben und zur preußischen Provinz ,degradiert'. 1867 bildeten "die Preußen" aus den Ämtern Linden, Neustadt und Hannover den Kreis Hannover und paßten damit die hannoverschen Verhältnisse den preußischen Verwaltungsstrukturen an. Die Ämter blieben vorerst noch erhalten.
Aber die Industrialisierung bedeutete rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel, und so stand schon 1885 die nächste Verwaltungsreform an. Die Ämter wurden aufgehoben, und Velber gehörte nun zum neu gebildeten Landkreis Linden. Die kreisfreie Stadt Linden gemeindete 1909 die Nachbargemeinden Limmer, Davenstedt und Badenstedt ein, wodurch Velbers bis heute erhaltene Lage unmittelbar am Stadtrand konstituiert wurde. Die Stadt Linden wurde ihrerseits 1920 nach Hannover eingemeindet.
Fast fünfzig Jahre bestand der Landkreis Linden, bis er schließlich 1932 im Landkreis Hannover aufging. 1974 wurde der Landkreis Hannover (seit 1946 im Land Niedersachsen, ab 1949 Teil der BRD) nochmals um die Altkreise Neustadt, Burgdorf und Springe vergrößert, und 2001 wurde aus Landkreis und Stadt Hannover die ,Region' gebildet.

Bis 1974 blieb die Gemeinde Velber im Landkreis Hannover unangetastet, ungeachtet der Nazizeit, des 2. Weltkriegs und der Zeit der Flüchtlingsströme und des Wiederaufbaus. Doch dreißig Jahre nach Kriegsende war ein neuer Modernisierungsschub fällig, wenn die Gebietskörperschaften den An- und Herausforderungen der Zeit gewachsen sein sollten. Wie schon mehrfach seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die bestehenden Verwaltungseinheiten "gewogen" und zu klein und schwach befunden: die Landkreise im Raum Hannover (wie oben bereits erwähnt) und erst recht die unzähligen kleinen Landgemeinden. Sie mußten also zu größeren Einheiten zusammengefügt werden.
Das hört sich einfach an, aber natürlich wurde jahrelang um Lösungen und Interessenausgleich gerungen. Im Rahmen einer umfassenden niedersächsischen Verwaltungs- und Gebietsreform sorgte für unseren Raum schließlich das vom Landtag verabschiedete sog. Hannover-Gesetz für Klarheit (wenn auch nicht für Frieden). Mit seinem Inkrafttreten am 1. März 1974 ging Velber als eine von elf bis dahin selbständigen Gemeinden in der Großgemeinde Seelze auf. (Diese hat in ihrem Zuschnitt übrigens eine gewisse Ähnlichkeit mit dem mittelalterlichen Go gleichen Namens!). Drei Jahre später wurde die Großgemeinde zur Stadt Seelze erhoben.
Velbers Nachbargemeinde Ahlem wurde 1974 nach Hannover eingemeindet, was die sozusagen exklusive Stadtrandlage Velbers noch einmal unterstrich.
NORBERT SAUL
Stadtarchiv Seelze