_ Kleines Dorf |
Die Großstadt reckt sich und dehnt sich nach allen Seiten. Viele Dörfer nahm sie auf und veränderte im langsamen Umwandlungsprozess völlig ihr äußeres Gesicht. Das Dorf wurde Vorort und schließlich Stadtteil. Das ist der Lauf einer Entwicklung, der niemand Einhalt gebieten kann. Man kann nur eines tun: Sorge dafür tragen, dass die „Verstädterung" - welch hässliches Wort! - nicht die üblen Formen annimmt, deren Reste wir stellenweise noch heute in einzelnen Stadtrandbezirken erkennen können, jenes hässliche Nebeneinander von hochaufgestockten Mietskasernen und kleinen ländlichen Häusern und Höfen. Die neuzeitliche Stadtrandplanung hat hier gründlich Wandel geschaffen. Es mag sein, dass die etwas baukastenartig angeordneten Siedlungshäuser, die heute überall an der Peripherie der Stadt entstehen, nicht jedermanns Beifall finden, allein in wenigen Jahren, wenn es ringsum in den Gärten der kleinen Einzelhäuschen grünt und blüht, wird diese Kritik verstummen. Statt des Wirrwarrs der rücksichtslos und mit einer gewissen kaltherzigen Überheblichkeit in die Landschaft hineingebauten Beton- und Back Backsteinkolosse wird ein freundlicheres Bild den Wanderer, der aus der Stadt herausstrebt, begleiteten.
Die letzten Siedlungshäuser von Limmer - noch stehen sie ein wenig kahl und weiß auf der leichten Anhöhe - sind schon in nachbarliche Nähe des Dorfes Velber gerückt und vom Grenzstein der Stadt Hannover an der Straße nach Velber sind es nur noch wenige Minuten bis zum Dorf, kann man Velber unter diesen Umständen noch als ein Dorf ansprechen? Ein wenig verwundert blickt man auf die Laubengärten, die das Dorf auf dieser Seite umsäumen: Bauerngärten sind es nicht sie verraten allzu deutlich den städtischen Kleingärtner.
Und dennoch, das Dorf selbst ist eben ein Dorf. Das äußere Bild wenigstens verrät nichts davon dass der weitaus überwiegende Teil seiner Bewohner Werktätige sind, die in den großen Betrieben der nahen Stadt arbeiten. Sie haben sich ihren Wohnsitz im alten Dorf Velber- es ist eine es der ältesten Siedlungen im Marstemgau - gesucht; hier, wo sie noch „auf dem Lande" wohnen und mit ihm in steter Berührung sind. Sie haben den bäuerlichen Betrieben ein Stück abgepachtet und bewirtschaften es. Man kann über diese Entwicklung gewiss verschiedene Gedanken hegen; man mag es z. B. bedauern, dass die meisten Hofstellen nur noch pro forma vorhanden sind, während der landwirtschaftliche Betrieb längst aufgegeben wurde, allein man darf nicht vergessen, dass hier eine höhere Gesetzmäßigkeit vorwaltet, die in dem Expansionsbestreben der Stadt begründet ist. Vor allem aber bleibt ein großer Gewinn: der mit seinem Heimatboden aufs engste verwachsene werktätige Mensch, der Arbeiter, der ein gut Stück da draußen vor den Toren sein Eigen nennt. Da wollen wir nicht vergessen, umso weniger, als es ja ein Ziel der Sozial- und Siedlungspolik des Nationalsozialismus ist.
Vierzig Wohnstellen hat Velber und dabei 380 Einwohner. Rechnet man sich aus, dass darunter noch etliche Hofstellen sind, die kleinere Familien beherbergen, so wird man sagen dürfen, dass auch in Velber ein gewisser Wohnungsmangel besteht, was aber nicht so sehr ins Gewicht fällt wie etwa innerhalb der Großstadt. Bürgermeister und Ortsbauemführer Erbhofbauer Wissel, der den einzigen großen, noch ungeschmälerten Vollmeierhof bewirtschaftet, gab uns Auskunft über die Entwicklung seiner Gemeinde und die Abwicklung der laufenden landwirtschaftlichen Arbeiten in den letzten Monaten. Es die Kartoffel- und Rübenernte unter Dach und war auch hier den Bauern nicht eben leicht, Fach zu bringen und die Herbstbestellung durchzuführen. Die fehlenden Pferdekräfte konnten indessen durch den Bulldog des Vorwerks Velber - es gehört zum Rittergut Lenthe - und den Trecker des Ortsbauemführers, den der 14-jährige Sohn bediente, nachdem der Treckerführer zum Wehrdienst herangezogen war, restlos geschafft werden. So gelang es mit gegenseitiger Hilfeleistung, auch die Ländereien der kleineren Hofstellen ordnungsmäßig abzuernten und zu bestellen. Ein schöner Erfolg der kleinen Gemeinde, der umso höher zu bewerten ist, als außer dem Vorwerk ja nur der eine großbäuerliche Betrieb vorhanden ist.
Velber ist, ein kurzer Rundgang zeigt es uns, äußerlich doch noch ganz Dorf, eins der typischen kleinen Dörfer im Lande zwischen Deister und Leine. Eine kleine Kapelle, deren Grundmauern aus unbehauenen Feldsteinen auf ein sehr hohes Alter hinweisen, und daneben das Schulhaus liegen im Mittelpunkt. Im herben Zauber der Herbststimmung empfindet man erst, wie schön diese ruhevolle, leicht hügelige Landschaft um den Benther Berg, die sich von Velber aus den Blicken darbietet, ist. Gelb und Rot schimmert schon das Laub, aus dem schweren Braun des fruchtbaren Bodens strömt Erdgeruch; man ist doch noch auf dem Lande, in Velber, dem kleinen Dorf vor der Stadt.
HANNOVERSCHER ANZEIGER, DEZEMBER 1939