_ Hauswald |
Der „Hauswald“ der Menschen aus Velber ist das Velber-Holz, mit ihm wollen wir uns hier etwas näher beschäftigen. Sein heutiger Zustand ist das Ergebnis einer langen geschichtlichen Entwicklung und der Beeinflussung und Gestaltung durch die umliegenden Bewohner.
Schon in der frühen Geschichte der Menschheit war das fruchtbare Gebiet des Calenberger Landes besiedelt, wie das etwa 3000 Jahre alte Hügelgrab im Waldteil "Butterbrink" südlich der Allee beweist. Für unsere Urahnen war der Wald zwar Lebensraum, insbesondere die darin lebenden Großraubtiere waren für die beginnende Viehhaltung aber eine stete Bedrohung. Ab 500 n.Chr. siedelten die Menschen in kleinen Gemeinschaften und rodeten die umliegenden Wälder in mühsamer Arbeit, so entstanden bei uns neben Velber auch Badenstedt, Davenstedt, Harenberg und Lenthe. Die trennenden Wälder wurden mit der langsam wachsenden Bevölkerung im Mittelalter immer weiter gerodet, waren für die Menschen aber weiterhin lebensnotwendig. Sie lieferten das Material für fast alle Utensilien des täglichen Bedarfs, Bau- und Brennholz. Pflanzen und Früchte ergänzten die kargen Lebensmittel, Honig der Bienen war das einzige Mittel zum Süßen. Die geringen unsicheren Erträge der Äcker reichten knapp für die Menschen, zur Futterversorgung des Viehs wurde es daher zur Weide in den Wald getrieben. Hierbei wurde der Jungwuchs abgefressen, so dass eine Verjüngung nicht stattfand, der Wald überalterte und verlichtete. Da das Stroh als Futter verwendet wurde, musste als Einstreu für die Viehställe das abfallende Laub genutzt werden. Es war der einzige Dünger für unsere Vorfahren, führte aberlangfristig durch den ständigen Nährstoffentzug zu einer Verarmung der Waldböden. Bis auf die Wälder des Adels war der Rest Allmende, d.h. alle nutzten seine Güter und Produkte, aber keiner forstete auf. So verschwand das östlich von Velber gelegene Davenstedter Holz und große Teile des südlich anschließenden Badenstedter Holzes. Die häufig zitierte "gute alte Zeit" war für den ausgeplünderten Wald alles andere als gut.
Vor 200 Jahren war die Holznot zu einer Existenzfrage der Bürger geworden, die Regierung musste handeln. In langwierigen Prozessen wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Allmenden aufgelöst und jeder Hofstelle bestimmte Waldparzellen zugewiesen. Es kam zu Aufforstungen mit standortgerechten Holzarten, fachgerechter Pflege und nachhaltiger Nutzung der Wälder. Das entstehende Eisenbahnnetz ermöglichte den Transport von Kohle, die das Holz als alleinigen Energieträger langfristig ablöste, bzw. ergänzte. Höhere Ernten durch Einsatz von Mineraldünger führten zu eine Entlastung des geschundenen Waldes. Einen Rückschlag brachte die Emährungskrise im Weltkrieg, Hainbuchen wurden geköpft, um Futter für das Vieh zu gewinnen. Noch heute zeugen einige knorrige Veteranen von dieser Zeit. Ungleich schlechter erging es dem Wald nachdem letzten Krieg, gewaltige Holzmengen mussten zur Brennholzversorgung der durch den Flüchtlingsstrom aus dem Osten sprunghaft gestiegenen Einwohnerzahl geschlagen werden und rissen tiefe Wunden. Um die Lücken schnell zu schließen, wurde teilweise auch mit raschwüchsigem Nadelholz aufgeforstet. Heute umfasst das Velber Holz eine Größe von 65 Hektar, die dringend erwünschte Vernetzung mit dem Benther Berg wurde 1959 durch Feldaufforstungen durch das Stadtforstamt Hannover geschaffen. Dieses baute Anfang der 80er-Jahre mit Zuschüssen des Großraumes ein Wanderwegenetz, dass den Benther Berg entlastet. So ist jetzt ein ganzjähriger Erholungsbetrieb möglich, gleichzeitig verschwanden viele der Trampelpfade, die zu einer empfindlichen Störung des Naturhaushaltes führen. Gerade die hier vorherrschenden wechselfeuchten, nährstoffreichen Standorte mit ihrer anspruchsvollen Flora sind sehr trittempfindlich, so finden wir u. a. Schlüsselblume, Gefleckten Aronstab, Gelbes Buschwindröschen, Hohler Lerchensporn, Tausendgüldenkraut, Einbeere, Krebsschere, Waldsanikel, Lungenkraut usw. Ob wir diese und weitere Arten der "Roten Liste", auch in der Fauna, für die Zukunft erhalten können, ist zweifelhaft. Der Mensch hat sich zu weit von der Natur entfernt, es fehlen leider die einfachsten Kenntnisse von oft komplizierten Zusammenhängen, vielen Bürgern ist sie heute einfach Rummelplatz und Selbstbedienungsladen. So entstehen aus Unkenntnis vermeidbare Schäden, ein rücksichtsvoller Umgang und eine verantwortungsvolle Inanspruchnahme des Rechtes auf Erholung sind aber Voraussetzung, um kommenden Generationen eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt in einem gesundem Erholungsraum zu erhalten.
Das Velber Holz ist auch heute noch in der Hand privater Waldbesitzer, die forstliche Betreuung erfolgt seit 30 Jahren durch das Stadtforstamt Hannover. In den 80er-Jahren wurden die noch vorhandenen, nicht standortgerechten Baumarten, durch Stieleiche, Hainbuche, Linde, Ahorn, Esche und Wildkirsche, die der natürliche Waldgesellschaft hier entsprechen, ersetzt. Entscheidend ist hierbei neben dem Klima der Boden, Wasserhaushalt, Nährstoffversorgung, durchwurzelbarer Raum, pH-Wert usw., eine spezielle Bodenuntersuchung liefert die notwendigen Resultate. Hauptbaumart ist auf den hiesigen schweren Böden die Stieleiche, sie allein vermag tiefere Bodenschichten mit ihren Wurzeln zu durchdringen und liefert so neben der nötigen Standsicherheit auch einen ständigen Nährstoffnachschub. Gleichzeitig wurde auf geeigneten Standorten die natürliche Verjüngung durch Bodenlockerung und Kalkung eingeleitet und verschiedene Feuchtbiotope angelegt. Wald ist heute eine unrentable Geldanlage, so müssen immer mehrere Generationen hegen und pflegen, bis eine kostendeckende Nutzung möglich ist. Erschwerend kommt hier hinzu, dass viele der älteren Bäume durch Bombensplitter aus dem 2. Weltkrieg in ihrem Holzwert stark gemindert sind, teilweise ist das Holz nicht absetzbar. Zahlreiche Bombentrichter zeugen von den hier erfolgten Abwürfen durch alliierte Bomber, die teilweise nach dem Krieg mit Müll verfüllt wurden. Einige wurden zur Anlage als Feuchtbiotope genutzt. Zuschüsse zur kostspieligen Waldunterhaltung werden bei der Landwirtschaftskammer und beim Großraumverband beantragt. Die jetzigen Baumartenmischungen ermöglichen in der Zukunft eine naturnahe Forstwirtschaft durch Einzelstammnutzung ohne störende Kahlschläge. Hierzu gehören abgestorbene Bäume als Totholz, dass von einer ungeheuren Vielzahl von Organismen langfristig abgebaut wird.
Begeben wir uns auf einen Spaziergang durch das Velber Holz, wie in allen Laubwäldern fasziniert auch hier der starke Wechsel zwischen der grünen Vegetationszeit und den Wintermonaten, in denen sich unser Wald als recht kahle einsichtbare Landschaft präsentiert. Gehen wir die Straße "Am Wehrgraben" nach Süden, so erreichen wir kurz nach Überquerung der Fösse den Butterbrink", linker Hand sehen wir hinter der Wiese die jetzt 40-jährige Feldaufforstung der Stadt, wir folgen aber den Weg rechts in den Wald. Links liegt ein kleiner Tümpel, im Frühjahr blüht hier die Sumpfschwertlilie, einige Molche, Erdkröten und Teichfrösche laichen hier regelmäßig. Ein Kleiber lässt seinen Warnruf ertönen, als wir den120-jährigen Eichenwald betreten. Die Eichen waren Kinder, als Benz und Daimler ihre Benzinkutschen zum Laufen brachten. Links sind sie mit Buchen gemischt, diese beschatten mit ihrem dichtem Laubdach den Boden so stark, dass der Bestand düster wirkt. Genau der richtige Ort für das flache Hügelgrab, in dem nun schon seit 3000 Jahren Vorfahren von uns ruhen. Rechts finden wir neben den Eichen einige Linden, viel Licht fällt auf den Boden und so hat sich eine dichte Kraut- und Strauchvegetation mit einer artenreichen Tierwelt entwickelt. Bald biegt der Weg nach rechts ab, links winden sich zahlreiche Kletterpflanzen des Waldgeißblattes an dem Unterholz hoch. Auf der rechten Seite ist der alte, ehemals sehr dichte Buchenbestand vor 20 Jahren stark aufgelichtet worden, für die Rotbuche ist der Boden hier zu nass. Nach einer Bodenlockerung und Kalkung finden wir heute zahlreiche junge Bäume der Esche, Ahorn, Linde und Ulme. Die Umwandlung des Reinbestandes in einen Mischwald erfolgt über einen langen Zeitraum, die teilweise dichte Naturverjüngung gewährt Fuchs, Reh und Hase Unterschlupf. Bleiben wir auf dem Weg, so stören wir sie nicht. Links des Weges endet nun der Wald, der Blick geht über die intensiv landwirtschaftlich genutzte Weite bis nach Lenthe, unterbrochen nur durch den Osterteich und die Allee, zwei bestimmende Elemente des Landschaftsbildes. Die Ursprünglich zahlreich vorhandenen Ulmen sind dem nun schon seit Jahrzehnten grassierenden Ulmensterben zum Opfer gefallen, ersetzt wurden sie durch Ahorn und Eiche. Wir folgen der Allee Richtung Velber bis an die Fösse, auf der Südseite finden wir noch etliche Ulmen, die Nordseite ist mit einigen Obstbäumen bestockt. Vor Velber stocken mächtige Pappeln, die etwa 50 Jahre alt sind. Nach dem letzten Kriege wurde den Landwirten oft geraten, bei ihrer Hochzeit einige Pappeln in der Feldflur anzubauen. Wurde eine Tochter geboren, so sollten sie bei ihrer Hochzeit gefällt werden und das nötige Geld für die Aussteuer liefern. Früher war Pappelholz von den Zündholzherstellern sehr gesucht, die Einwegfeuerzeuge haben den Markt zusammenbrechen lassen, das Holz ist heute fast unverwertbar.
Wir folgen den Weg neben der Fösse Richtung "Zuschlag", eine Schlehenhecke trennt beide, über- ragt von einer schönen Silberweide. Im Wald biegt der Weg nach links, hier hat der Buntspecht in einer Buche zahlreiche Höhlen gezimmert. Er nutzt sie nur einmal, hat aber zahlreiche Nachmieter, wie Hornissen, Fledermäuse, Meisen, Siebenschläfer usw. Auch der Waldkauz hat in einer alten Eiche seine Bruthöhle, abends kann man seinen Ruf oft hören. Links und rechts des Weges finden wir die in den 80er-Jahren umgewandelten jungen Bestände, Hauptholzart ist die Stieleiche, die mit den nassen Böden gut fertig wird. Begleitet wird sie von Linde, Erle, Ahorn, Esche, Birke ,Kirsche, Hainbuche und Weide. Gelegentlich ist der Waldboden aufgewühlt, hier haben Wildschweine nach Nahrung gesucht, die häufiger unserem Wald einen Besuch abstatten. Dort, wo der Weg scharf nach rechts abbiegt, haben wir linker Hand Lenthe Gemarkung, rechts schließen sich die Harenberger Holzteile an.
HUBERTUS SCHRÖDER